Jonathan Schmidt-Ott – ~Vollmond

 

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Galerie Michael Janssen is pleased to announce ~Vollmond, their first solo exhibition of works by Jonathan Schmidt-Ott. Opening in conjunction with this year’s penultimate full moon, ~Vollmond presents the artist’s most perennial works to date: large-scale photographs of horses in the French Basque countryside. The vernissage also marks the debut of his new book Se così fosse published by a+G, which spans nearly a decade of Schmidt-Ott’s artistic practice.

In 2009, Schmidt-Ott stood in a field near Biarritz with the ocean in his ear and a camera to his eye. A herd of horses filled the lens. The resulting photographs record an interspecies moment awakened to all the history and symbolism the horse now holds.

Six images are horizontally oriented to accommodate the equine bodies. A group shot of the herd is the most visually dense. It is a tense scene—as though thunder is about to break and with it a stampede. “For me this image stands for death,” Schmidt-Ott said in a 2013 interview with architect Johannes Schulze-Icking. Although his sentiment is informed by early silent cinema—an era when startled horses indicated gunfire and, therefore, murder—his comment taps into a wider folklore linking the Equidae to grave misfortune. Recall Conquest, War, Famine, and Death in The Book of Revelation; or, more specifically, Act II of Macbeth, when Duncan’s horses become deranged after his stabbing.

The atmospheric tension in the photograph—which is also apparent in the other images in the cycle—is visually underscored by its severe compositional frame, one that cuts off the horses’ legs above the knee. Intentional or not, it is a bold choice made by the photographer, one that could obliquely allude to glue manufacturing. It is also a choice that places the image within a formalist (albeit informal) art historical category of horses suspended in space. Take, for example, Lascaux’s many depictions of the horse painted, as though floating, on a blank rock wall—paintings which are figure studies and motion studies and portraits of a creature to whom humans were always attuned. Or leap forward some 19,000 years and consider Eadweard Muybridge’s electro-photographic investigation into animal locomotion. Fascination for the horse perdures in his 1878 gait-analysis study, Sallie Gardner at a Gallop, wherein equine mechanics were scrutinized with split-second precision (the famous photographs proved a horse gains momentary flight when its hooves tuck under its body during a gallop).

~Vollmond contains one image formatted unlike the rest: a vertically-oriented portrait taken at close range with a flash. The light burst is reflected in the horse’s glassy eyes as a luminous glow. At first, the reflection appears white—an approximate moon—but closer inspection reveals the visible spectrum. Its iridescence stands for all the richness of human perception, as well as the limited scope of what we can perceive.

At its core, ~Vollmond celebrates our fascination with beasts. How do animals feel to the touch? How do they taste? How can we name them, and how are we different? These are but a few fundamental questions swirling in the conceptual background of the photographs. Dependency and survival complicate the issue, of course, as do questions regarding companionship and domestication, but they are factors belonging to the same prehistoric curiosity. They are meditations that are distinctly timeless.

 

Text: Patrick J. Reed. A previous version of this text appears unedited and unabridged in Se così fosse as “Precise/Approximate: Reflections on the Photography of Jonathan Schmidt-Ott.”

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Die Galerie Michael Janssen freut sich, mit ~Vollmond die erste Einzelausstellung des in Berlin lebenden Künstlers Jonathan Schmidt-Ott zu präsentieren. Schmidt-Ott zeigt großformatige Fotografien von Pferden, aufgenommen im französischen Teil des Baskenlands. Der titelgebende Mond ist ein wiederkehrendes und wichtigstes Motiv des Künstlers, und die Ausstellung eröffnet am 23. November zum vorletzten Vollmond dieses Jahres.

Gleichzeitig stellt Schmidt-Ott sein neues Buch Se così fosse (Wenn dem so wäre) – erschienen bei a+G - das beinahe ein Jahrzehnt seines künstlerischen Schaffens umspannt.

Im Sommer 2009 steht Schmidt-Ott auf einem Feld in der Nähe von Biarritz, das Rauschen des Ozeans im Ohr und die Kamera am Auge, als eine Herde von Pferden den Sucher ausfüllt. Die daraus entstehenden Fotografien dokumentieren – vor dem Hintergrund der langen Geschichte, die Mensch und Pferd miteinander verbindet und einer bis heute andauernden starken Symbolik des Pferdes – einen sehr besonderen Moment der Begegnung zwischen den Spezies.

Sechs der Bilder sind horizontal ausgerichtet, um die Pferdekörper aufnehmen zu können. Eines von ihnen ist ein Gruppenbild der Herde, eine Szene voller Dichte, voller Anspannung, die das Gefühl vermittelt, als bräche gleich das trampelnde Donnern einer Massenpanik los. „Für mich steht dieses Bild für den Tod”, sagte Schmidt-Ott in einem 2013 entstandenen Interview mit dem Architekten Johannes Schulze-Icking. Auch wenn dieses Empfinden von den frühen Filmen des Stummfilmkinos geprägt ist, in denen erschrockene Pferde regelmäßig auf Schüsse und damit auf einen gerade stattgefundenen Mord hindeuteten, geht Schmidt-Otts Kommentar auf noch weitaus ältere Überlieferungen zurück, die die Gattung Pferd aus der Familie der Equidae in Zusammenhang mit großem Unheil bringen. Man denke an die Heimsuchungen, Eroberungskriege, Hungersnöte und den allgegenwärtigen Tod in der Offenbarung des Johannes, der Apokalypse; oder, noch spezifischer, an die wildgewordenen Pferde Duncans nach dessen Erdolchung im zweiten Akt von Macbeth.

Die atmosphärische Spannung innerhalb des Bilds – eine Spannung, die sich auch in den anderen Fotografien des Zyklus zeigt – wird weiter durch den strengen kompositorischen Rahmen verstärkt, der den Pferden die Beine noch über dem Knie abschneidet. Ob mit besonderer Intention oder nicht, in jedem Fall ist es eine ungewöhnliche Entscheidung des Fotografen. Gleichzeitig ordnet sie das Bild unter formalistischen Gesichtspunkten, wenn auch auf ganz informelle Weise, einer bestimmten kunsthistorischen Kategorie zu, nämlich jener der Darstellung scheinbar schwereloser Pferde. Man denke hier zum Beispiel an die zahlreichen Darstellungen des Pferdes in den Höhlenmalereien von Lascaux, in denen die Tiere wie schwebend vor dem Hintergrund einer ansonsten leeren Felswand gemalt sind, figürliche Bewegungsstudien und Porträts eines Lebewesens, das für den Menschen seit jeher eine besondere Bedeutung hat. Und wenn Sie an die ungefähr 19.000 Jahre später von Eadweard Muybridge durchgeführten chronofotografischen Untersuchungen der Bewegung von Tieren denken, so ist die Faszination für das Pferd dort noch genauso spürbar. Die berühmten Fotos zu seiner bewegungsanalytischen Analyse des Jahres 1878, Sallie Gardner at a Gallop, in der er die während des Pferdegalopps wirkende Mechanik mit einer in Sekundenbruchteile fragmentierten Präzision untersuchte, erbringen den Nachweis, dass ein galoppierendes Pferd in dem Moment, in dem es mit allen vier Hufen vom Boden abhebt und sie an seinen Körper anlegt, tatsächlich einen Moment lang fliegt.

Eines der Bilder von ~Vollmond, das Portrait eines Pferdes, aus nächster Nähe mit einem Blitz aufgenommen, ist im Gegensatz zu den anderen der Serie vertikal ausgerichtet. Der Lichtblitz spiegelt sich als leuchtendes Glimmen in den glasigen Augen des Pferdes wider. Zuerst erscheint die Reflexion weiß – beinahe könnte es der Mondschein sein. Bei näherer Betrachtung jedoch wird darin das gesamte sichtbare Lichtspektrum erkennbar, dessen Schillern für den ganzen Reichtum der potentiell möglichen menschlichen Wahrnehmung steht – und gleichzeitig darauf hinweist, wie begrenzt der Umfang dessen oft ist, was wir tatsächlich wahrnehmen.

In seinem Kern ist ~Vollmond eine Hommage an unsere Faszination für das Tier. Wie fühlen sich Tiere an, wenn man sie berührt? Wie schmecken sie? Wie können wir sie benennen und was ist es eigentlich, das uns von ihnen unterscheidet? Das sind nur einige der grundlegenden Fragen, die den konzeptionellen Hintergrund der Fotografien aufspannen. Fragen der Abhängigkeit und des Überlebens machen das Thema noch weitaus komplexer, auch solche nach Gemeinschaft, ja Freundschaft mit dem Tier, ebenso wie nach seiner Haltung als Nutz- oder Haustier. Aber sie alle sind Faktoren, die zu der gleichen, prähistorischen Neugierde gehören. Es sind somit Betrachtungen, die ausgesprochen zeitlos sind.

 

Text: Patrick J. Reed. Eine frühere Version dieses Textes erscheint unbearbeitet und ungekürzt in Se così fosse unter dem Titel “Precise/Approximate: Reflections on the Photography of Jonathan Schmidt-Ott.”

Übersetzung: Thorsten Dördrechter

Übersetzung: Thorsten Dördrechter

Bibliography

1976            Born in Berlin, lives and works in Berlin

Education

2010            MFA diploma in Montage/Editing, Film University Babelsberg Konrad Wolf


Solo Exhibitions

2018

~Vollmond, Galerie Michael Janssen, Berlin (forthcoming)

2016

The tree, curator: Yukitomo Hamasaki, mAtter, Diginner Gallery, Tokyo
木, curator: Yukitomo Hamasaki, mAtter, gift_lab, Tokyo
O f f C o u r s e, Dzialdov, Berlin, Germany

2014

fall, Dzialdov, Berlin, Germany

2013

Pferde stärken, Four Corners, Labyrinth Photographic, London, UK

2012

“Y”, The Sassoon Gallery, London, UK


Group Exhibitions

2017

„…why not hug the strangers.“, Dzialdov, Berlin

2016

The Gallery Store, Studiolo, Berlin

2015

Malfunction, Dzialdov, Berlin
The Stare Show, Four Corners, Labyrinth Photographic, London
Apart, Dzialdov, Berlin
Limited Editions, Lubomirov-Easton, London

2014

Boot, Dzialdov, Berlin
A year in development, Four Corners, Labyrinth Photographic London

2013

Crowd, Chocolate Factory, London
Painting Forever…, Little Bread Pedlar, London
House, Little Bread Pedlar, London
Due, ASC Studio, Bond House, London
Swan, Belfast Photo Festival, Catalyst Arts Gallery, Belfast
A year in development, Four Corners, Labyrtinth Photographic, London

2012

Cheval Ivre, Bateau Ivre, Berlin

2010

Papergirl #5 We’ve got the drive, Neurotitan, Berlin
TAPS: Improvisations with Paul Burwell, Matt’s Gallery, London


Curatorial Projects

2017

L’homme Sauvage, Dzialdov, Berlin
„…why not hug the strangers.“, Dzialdov, Berlin

2015

Malfunction, Dzialdov, Berlin
What Remains, Keith Ashley, Dzialdov, Berlin

2014

TAG, Tal Regev, Anne Bean, Gioia Meller Marcovicz, Dzialdov, Berlin
re-boot, exhibition & performance event, Dzialdov, Berlin
Boot, exhibition & performance event, Dzialdov, Berlin
Foundation of the project space Dzialdov, Berlin (dzialdov.de)

2013

Painting Forever…, The Pedlars Workshop, London
House, The Pedlars Workshop, London


Film Projects

2015

Garten9, (loop)

2011

(Psycho), (loop)
Anti extraordinäre Schaustellung (2 min)

2010

Ende (1:29 min)

2008

Momentum, (1:39 min)

2006

Road, (loop)


Residencies

2010 Artist in Residence, GRAD, Belgrad, Serbien, project: White City


Bibliography

2017 silent growth, artist book, a+g publishing, Berlin

2015 What Remains, Keith Ashley, catalog, a+g publishing, Berlin

2014 , Künstlerbuch, a+g publishing, London

2013 Painting Forever…, catalog, a+g publishing, in collaboration with Tal Regev, London

2013 House, artist book, in collaboration with Oliver Griffin, London

2013 Pferde stärken, risograph edition, a+g publishing, London

2013 fall, artist book, a+g publishing, Berlin

2012 “Y”, catalog, a+g publishing, London

2011 En Passant, Künstlerbuch, a+g publishing, Berlin

2010 White City, Künstlerbuch, a+g publishing, Berlin